Josef Wolf

Steinbildhauer

Das klingt nach harter Arbeit, – nach Handwerk. Wenn ich Josef Wolf begrüße und ihn umarme, spüre ich den Handwerker in ihm. Den, der sein Material bis heute aus den Steinbrüchen bei Weibern in der Eifel heran schafft, es mit dem mobilen Portalkran auflädt, bewegt, ablädt und wieder bewegt um es zu lagern, und schließlich – vielleicht – irgendwann auch zu bearbeiten und dabei immer und immer wieder zu bewegen; potentiell in seinem Kopf, auf der Grundlage von Erfahrung, und tatsächlich im Raum. Die Bewegung ist wohl notwendig, denn vor dem Handwerk und als künstlerisches Ergebnis seines Tuns steht nicht die Schwere, sondern die Leichtigkeit; oder hat Sehen ein Gewicht?

sehen
SEHEN

Sehen

Vor dem Aufladen steht das Auswählen der Steine. Sie liegen da einfach so herum, in den Steinbrüchen, in deren Nähe Josef Wolf aufgewachsen ist. Wäre denn Kunst überhaupt denkbar ohne die Nähe zu den Dingen, die man als Kind erlebt hat? Jedenfalls beginnt die künstlerische Arbeit hier – wie auch immer – noch vor dem Handwerk mit dem Sehen und mit dem Erkennen von Qualitäten; denn das Material selbst ist Körper und Form. Es steckt alles schon darin, in diesen Resten der Abbruchhalden, diesem Stoff ohne brauchbaren Inhalt, diesen liegengebliebenen Zufällen. Man muss im Chaos nur die Ordnung entdecken.

hauen
Hauen

Hauen

Der Stein ist für Josef Wolf kein beliebiges Material über das er frei verfügen, das er in jede Form bringen könnte. Der Formwille ist dem Material selbst untergeordnet. Er möchte herausfinden, welches Volumen sich darin versteckt, welche Bearbeitung der Oberfläche ihm entspricht. Worauf gründet sich dieser Respekt vor dem Stein? Auf sein Alter, auf seine Dauerhaftigkeit, auf seine reglose Stille? Er will lange und immer wieder überprüfend betrachtet werden. Das Sehen begleitet das Hauen. Der Steinbildhauer möchte sie präzisieren, diese eigenen Möglichkeiten des Materials, er möchte die notwendige Form sichtbar machen; im übrigen: er knetet nicht, er baut nicht auf, – er haut: er kann vom Material nur etwas wegnehmen. Die Form lässt sich also nicht denken, auch nicht zeichnen, sie lässt sich nur über die handwerkliche Arbeit erreichen. Vielleicht ergibt sich eine Typologie der Form, ein Spektrum von Verwandtschaften, die auf den Gesetzen des Zufalls beruhen und sich in allen Körpern wiederholen

tasten

Tasten

Kann man von Körpern sprechen, ohne auf ihre Oberfläche einzugehen, zumal die Oberfläche dieser Skulpturen so unverkennbar charakteristisch ist? Zum Tasten schön ist diese entscheidende Grenze zum Raum, die Haut des Körpers. Es sind kurze, parallel geführte Linien, Furchen, deren Rhythmus den unregelmäßig genarbten Tuffstein mit einer gleichmäßigen Struktur überzieht, die eine lebendige Ordnung schafft. Der eiserne „Kamm“ dessen parallel angeordnete Zinken, diese Struktur bewirken, heißt – das kann kein Zufall sein – bei den Bildhauern „Wolf“. Der Wolf spitzt die sandfarbene Oberfläche an, er glättet nicht deren natürliche Erscheinung und bewirkt eine phantastische Lichtbrechung, die der von Malerei – sofern die festen Borsten des Pinsels die Farbe „ordnen“ – vergleichbar ist.

stellen

Stellen

Das Erarbeiten der notwendigen Form ist nicht das letzte Ziel sondern eine Voraussetzung dieser Skulpturen. Denn nach dem Hauen und dem Tasten kommt das Aufstellen des Steins. Der Körper muss sich im Raum bewähren. Dies zeigt sich besonders deutlich dann, wenn der entdeckte Stein weitgehend unbearbeitet als Skulptur Verwendung findet. Um den Stein aber aufstellen zu können, muss eine Standfläche definiert sein. Spätestens hier verwandelt Josef Wolf die Schwere des Materials in die Leichtigkeit seiner Erscheinung. Er spannt die Flächen der „gefüllten“ Volumen, er hebt sie vom tragenden Boden ab, er balanciert   die Gewichte aus und reduziert das Stehen und Lasten auf unglaublich geringe Querschnitte. Gerade die Masse des Materials ermöglicht den Eindruck von Schwerelosigkeit in Aufstellungen, die physikalische Grenzen zu negieren scheinen. Besteht Kunst prinzipiell auch aus dem Widerspruch des Faktischen mit der Wahrnehmung des Möglichen?

fügen

Fügen

Darin liegt wohl der Kern seiner künstlerischen Arbeit: Josef Wolf bringt die erarbeiteten Volumen zueinander. Er fügt sie zu Paaren oder zu Gruppen, die miteinander – nebeneinander, übereinander, ineinander – im Kontakt stehen. Dabei erfahren wir alles, was die Skulptur seit jeher ausmacht aufs Neue: stehen, kippen, stürzen, tragen, lasten, ruhen, sich zuneigen, aufeinander aufbauen, stützen und abstützen, sich verbinden. Über die Jahre hat sich der tatsächliche Kontakt der einzelnen Steine verringert, sind die Teile der Ensembles immer gleichwertiger geworden; z.B. auf die Weise, dass keines nur Standfläche für ein anderes sei. Häufig ist die Berührung nur noch im Nebeneinander der Körper realisiert. Im Falle des Gelingens erreicht Josef Wolf damit eine Spannung der Volumen untereinander, zum umgebenden Raum, bzw. zum Körper des Betrachters. Die Skulptur schafft dann einen Ort und vermittelt uns das, wovon sie ausgelöst wird und was ihr Entstehen permanent begleitet hat; sie ermöglicht uns eine prinzipielle Erkenntnis: Die Abhängigkeit von Sehen und Bewegung.

schichten

Schichten

Dem Fügen verwandt ist das Schichten. In fast allen Kulturen wurden und werden Mauern geschichtet und so ganze Häuser errichtet. Überdies hat es jeder von uns vermutlich schon als archaisches Bedürfnis in Situationen der Langeweile erlebt: Das Schichten von Steinen. In einer eigenen Werkreihe schichtet Josef Wolf Schieferplättchen zu kleinen Körpern sorgfältig aufeinander, die – im Unterschied zu seinen großen Skulpturen – meist auf Quadrat und Rechteck aufbauende, abstrakte Kantenmaße besitzen. Die losen Schichtungen bleiben fragil, ihre exakte Form ist gefährdet, wenn Unachtsamkeit oder Gewalt sie umgibt. Der Tuffstein bildet für sie Sockel und Nischen, auf die und in die hinein das leichte, bewegliche und zerbrechliche Material geschichtet wird. Ein endloses Tun ist das, eine gleichförmige Beschäftigung im Laufe der Zeit, ein schichtweiser Aufbau, der den Verfall kennt, wie jedes Bemühen von Zivilisation wohl endlos ist…

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